Eva-Maria Jenkins
Ich
habe Brot gekauft und habe rote Rosen geschenkt
bekommen
Literarische
Texte im Lehrwerk Dimensionen
/1/
1.
Schlussfolgerungen aus einem Selbstversuch
Der
Titel dieses Beitrags besteht aus den ersten
Zeilen eines fünfzeiligen Gedichts. Wie könnten
die beiden folgenden Zeilen lauten? Versuchen
Sie, den Text auf Ihre eigene Art weiterzuschreiben.
Ich
habe Brot gekauft
Und habe rote Rosen
geschenkt bekommen:
__________________________________
__________________________________
Um
dieses Gedicht weiterzuschreiben, haben Sie
auf der Folie Ihres kulturellen und persönlichen
Wissens- und Erfahrungshintergrunds den Wörtern
Brot und Rosen eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben,
den Zusammenhang zwischen beiden in Ihrer
Weise interpretiert und so eine ganz persönliche
Fortsetzung gefunden, die sich wahrscheinlich
von derjenigen anderer Leserinnen und Leser
unterscheidet. Ich vermute, dass Sie sich
Ihren Fünfzeiler auch leise vorgelesen haben,
um zu überprüfen, ob der Rhythmus passt, und
ich nehme an, dass Ihnen das Ergebnis gefällt.
Was
ist hier geschehen? Didaktisch-methodisch
gesprochen, haben Sie entsprechend dem handlungs-
und produktionsorientierten Ansatz den ursprünglichen
Text verändert, nachdem sie den vorgegebenen
Zeilen zunächst eine Bedeutung zugeschrieben
haben, welche nicht unbedingt die Bedeutung
ist, die die Autorin Kithara Hakashu ihrem
Text mitgegeben hat. Wenn Sie nun den originalen
Text lesen (er steht am Ende dieses Beitrags
/2/ ), entdecken Sie womöglich markante Unterschiede
zwischen Ihrem Text und dem Text der Autorin.
Diese Unterschiede enthalten (inter)kulturelle
und persönlich-individuelle Anteile, die wir
im vergleichenden Gespräch über die beiden
Texte herausarbeiten könnten. Leider können
wir die Autorin nicht selbst befragen, so
dass die von ihr intendierte Bedeutung (Z.
B.: Warum machen „Brot“ und „Rosen“ sie glücklich?)
mehr oder weniger im Verborgenen bleibt, sich
allenfalls an einen zugrunde liegenden kulturellen
Kontext, den wir glauben zu kennen, anbinden
lassen.
Dem
handlungs- und produktionsorientierten Ansatz
der Literaturdidaktik wird häufig zum Vorwurf
gemacht, er vernachlässige das Verstehen und
Interpretieren des Textes im Sinne des Autors
(hermeneutischer Ansatz) und beschränke sich
auf mehr oder weniger geglückte Manipulationen
am Text, der sich nicht dagegen wehren könne.
Übersehen wird dabei, dass der produktionsorientierte,
„handwerkliche“ Umgang mit dem Text ein wie
auch immer geartetes vorgängiges Verstehen
/ Interpretieren des Textes durch den Leser
/ die Leserin voraussetzt, das ihn oder sie
überhaupt erst in die Lage versetzt, den Text
im eigenen Sinne zu verändern. Und wenn im
Unterricht Deutsch als Fremdsprache die „Manipulation
am Text“ die besondere fremdkulturelle Wahrnehmung
des Textes durch die Deutschlernenden offenbart,
so offenbart sich im Vergleich mit dem Original
gleichzeitig dessen Bezug zu einem anderen
soziokulturellen Kontext, nämlich dem des
Autors / der Autorin.
2.
Literarisches in Dimensionen
Mit
dem „Brot- und Rosen-Gedicht“ beschäftigen
sich Deutschlernende in Band 3 des Lehrwerks
Dimensionen (Niveaustufe B1), und zwar in
einem Abschnitt, in dem es um Liebe geht.
Das war unsere Interpretation. Allerdings
ist die Aufgabe dort eine andere, sie ist
einfacher, aber interkulturell vielleicht
noch interessanter, besonders dann, wenn Deutschlernende
verschiedener Herkunftsländer in der Klasse
sitzen (diese Aufgabe finden Sie ebenfalls
am Ende dieses Beitrags).
In
Dimensionen gibt es insgesamt 68 literarische
Texte, es überwiegen Texte in Gedichtform
und andere Kleinformen. Ist das insgesamt
viel für ein Grundstufenlehrwerk? Oder ist
das wenig? Betrachtet man diese Zahl aus der
Perspektive des „Gemeinsamen europäischen
Referenzrahmens“ , in dessen Kann-Beschreibungen
der Niveaustufen A1-B1 die Beschäftigung mit
literarischen Texten überhaupt nicht vorkommt,
ist das sehr viel.
Die
AutorInnen von Dimensionen, ein Team aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz, haben neben den
alltagssituativen Texten und Materialien ganz
bewusst viele literarische Texte aufgenommen
und dabei folgende Ziele verfolgt.
1. Die Deutschlernenden sollen so früh wie
möglich (schon in Dimensionen 1) „schönen“
Texten begegnen, in denen die deutsche Sprache
ihnen „wohlgestaltet“, rhythmisch-melodiös
und bedeutsam entgegentritt, ganz im Gegensatz
zu dem häufig geäußerten Urteil, die deutsche
Sprache sei „hässlich, hart und schwierig“
(siehe Dimensionen Lernstationen 3, S. 189).
2.
Die Deutschlernenden sollen Beispiele deutschsprachiger
Literatur, vor allem Gegenwarts- und Migrantenliteratur,
kennenlernen. In der Grundstufe kann es natürlich
nicht darum gehen, einen literarischen Kanon
zu präsentieren, sondern darum, ein breites
Spektrum von AutorInnen mit Texten vorzustellen,
die Freude an der deutschen Sprache vermitteln
können und die inhaltlich für die Lernenden
etwas bedeuten und thematisch reich sind.
So begegnen die Deutschlernenden unter anderen
Texten von Schiller und Goethe, von Eichendorff,
Heine und Wilhelm Busch, von Brecht, Erich
Kästner und Erich Fried, von Eugen Gomringer,
Ulla Hahn und Heinz Janisch, von Ivan Tapia
Bravo und Guyla Pulay. Auch einige Mundartdichter
sind mit feinen kleinen Gedichten vertreten.
In erzählenden Texten begegnen die Deutschlernenden
unter anderen Marlen Haushofer, Paul Maar,
Claudia Storz, Judith Hermann und den Zuwanderern
aus verschiedenen Ländern Sinasi Dikmen, Emine
Sevgi Özdamar und Obiora Ci-K Ofoedu.
3.
Während die Prosatexte eher als „Arbeitstexte“
verwendet werden, an denen die Deutschlernenden
mit Hilfe von Lesestrategien die Inhalte,
aber durchaus auch Grammatisches (z.B. das
Erzähltempus Präteritum) herausarbeiten, sollen
die Deutschlernenden bei den Kurzformen und
Gedichten erfahren, dass sie mit Sprache kreativ
umgehen, mit Sprache spielen können, und dass
dabei etwas Neues, Eigenes entsteht.
4.
Der spielerische Umgang mit den Texten, dessen
erstes Ziel immer die vertiefte Auseinandersetzung
mit dem Text ist, kann ganz unterschiedliche
produktive sprachliche Ziele haben, zum Beispiel:
Es sollen Wortschatzressourcen aktiviert (z.B.
Lücken / Reime ergänzen; Wörter austauschen)
oder grammatische Strukturen entdeckt und
nachgebildet werden (z.B. Parallelgedicht
schreiben, Gedicht weiterschreiben) oder es
soll die im Gedicht angedeutete Geschichte
erzählt werden, wobei eine ganz andere Textsorte
entsteht. Aber immer geht es – über diese
Arbeit an der Sprache hinaus – wesentlich
darum, für die im Text verborgenen kulturellen
Anteile zu sensibilisieren und beim Vergleich
des Originals mit dem Text des / der einzelnen
Lernenden ein interkulturelles Gespräch zu
eröffnen.
5.
Ein weiteres Ziel, das vielleicht unzeitgemäß
ist, uns aber dennoch am Herzen liegt: Die
Lernenden sollen Texten begegnen, die ihnen
gefallen, so dass sie eventuell dazu motiviert
werden können, den einen oder anderen auswendig
zu lernen. Diese Texte könnten sie ihr ganzes
Leben lang begleiten. Wir alle haben solche
Texte in der Muttersprache, und wenn das mit
einem fremdsprachlichen Text gelingt, so ist
das eine wunderbare Sache. Das könnte der
schlichte Text von Kithara Hakashu oder dieses
ebenso schlichte und einprägsame Gedicht von
Ulla Hahn
/3/ sein:
Winterlied
Als ich heute von dir ging
fiel der erste Schnee.
Und es machte sich mein Kopf
einen Reim auf Weh.
(Dimensionen. Magazin 1, S. 33)
Schnee
gibt es nicht überall auf der Welt, und nur
im Deutschen reimt sich „Schnee“ auf „weh“
... In vielleicht gar nicht so fernen, zukünftigen
schneelosen Zeiten könnte dieser kleine Vers
dann auch auf vergangene Zeiten verweisen,
in denen „weh“ noch ganz natürlich mit „Schnee“
assoziiert wurde und eine längst untergegangene
kulturelle Praxis galt, in der Verliebte und
Verlassene von Pfeilen durchbohrte Herzen
in den Schnee malten. (Dimensionen, Magazin
1, Bild S. 33)
3.
Literarisches zum Hören
Alle
Gedichte in Dimensionen können von der Dimensionen-CD
gehört werden. So wie verschiedene Personen
ein Gedicht unterschiedlich „lesen“, d.h ihm
ganz unterschiedliche Bedeutungen zuweisen,
so kann man ein Gedicht auch ganz unterschiedlich
rezitieren. Viele Gedichte werden deshalb
auf der CD in mehreren Variationen angeboten.
Die Lernenden können sich dann eine Variante
als Vorbild für das eigene Rezitieren nehmen.
Das Rezitieren von Gedichten wird schon frühzeitig
geübt. Die Übungssequenz zum Gedicht „Vergnügungen“
von Bertolt Brecht lautet:
1.
Fragen an das Gedicht
Wer hat Ihrer Meinung nach dieses Gedicht
geschrieben?
(ein junger / alter Mann; eine junge / alte
Frau; eine Person aus Deutschland / Österreich
/ der Schweiz?)
Was für einen Beruf hat die Person?
Wo wohnt die Person? (Stadt / Land?)
Wann etwa wurde das Gedicht geschrieben?
Welche Stimmung drückt es aus?
2.
Hören und Rezitieren
a. Hören Sie das Gedicht in zwei Varianten.
Welche Variante gefällt Ihnen besser? Warum?
b. Vorbereitung der Rezitation: Wählen Sie
eine Variante und hören Sie sie mehrmals.
Zeichnen Sie Pausen, Akzente (eventuell auch
Länge und Kürze der Vokale) und Melodiebewegungen
in den Text.
c. Hören Sie und sprechen Sie mit (sooft Sie
wollen).
d. Lesen Sie das Gedicht vor.
3.
Eigenes Gedicht schreiben
a. Schreiben Sie ein Gedicht über Ihre Vergnügungen.
b. Bereiten Sie es zum Rezitieren vor.
c. Sprechen Sie Ihren Text vor der Gruppe.
Stellen Sie Ihren Text aus.
(Dimensionen.
Lernstationen 3, S. 64)
Ein wesentliches Merkmal des Lehrwerks Dimensionen
ist seine plurizentrische Ausrichtung. Das
bedeutet, dass der gesamte deutschsprachige
Raum, also Deutschland, Österreich und die
Schweiz (in geringerem Maße Liechtenstein)
von Anfang an sprachlich, landeskundlich,
literarisch in den Blick genommen wird. Das
bedeutet auch, dass die Deutschlernenden sich
schon sehr früh damit auseinanderzusetzen
haben, dass im deutschen Sprachraum eben nicht
nur die Standardsprache (wie man sie im Fernsehen
z.B. hört), sondern durchaus unterschiedliches
Deutsch zu hören und zu lesen ist. Auch mundartliche
Texte und Gedichte werden in den drei Dimensionen-Bänden
zu Gehör gebracht. Die Krönung dieses Strangs
bildet die Rubrik DACH-Literatur in Dimensionen,
Lernstationen 3. Hier lesen AutorInnen aus
DACH mit ihrem österreichischen, binnendeutschen
und Schweizer Akzent einen ihrer Texte. Neben
einer Aufgabe zum Textverständnis sollen (und
können) die Lernenden nun heraushören, aus
welchem DACH-Land der Autor / die Autorin
kommt und angeben, woran sie das erkennen.
Der Schock, von dem so viele Deutschlernende
berichten, wenn sie zum ersten Mal in ein
DACH-Land reisen, dass sie nämlich eine völlig
andere Sprache vorfinden, als sie in der Schule
gehört haben, dürfte bei Dimensionen-Lernenden
erheblich abgemildert sein.
Abschließend
und damit den Bogen schlagend zu Ihrem Selbstversuch
am Anfang des Beitrags sei Ulla Hahn zitiert,
der wir schon das kleine Winterlied verdanken:
„Geduld
muss der Leser mitbringen und Neugier auf
sich und die Welt ... Nur dann wird das Gedicht
sein Gedicht. Oberstes Gebot dabei: Nicht
zu fragen: Was will der Dichter damit sagen?
Sondern: Was sagt dieses Gedicht mir?
Denn jedes Gedicht vervielfältigt sich in
den Köpfen der Leser/-innen. Es gibt so viele
Gedichte, wie es Leser/-innen gibt.“
/4/
Literaturangaben:
/1/ Jenkins, Eva-Maria; Clalüna, Monika;
Fischer Roland; Hirschfeld, Ursula; Hirtenlehner,
Maria (2002-2006): Dimensionen. Lehrwerk für
Deutsch als Fremdsprache. Magazin 1, 2, 3.
Lernstationen 1, 2, 3. CDs. Unterrichtsbegleitung
1, 2, 3. Ismaning: Hueber.
/2/
Das Gedicht von Kithara Hakashu lautet:
Ich
habe Brot gekauft
Und habe rote Rosen
geschenkt bekommen:
Wie glücklich bin ich,
beides in meinen Händen zu halten.
Aus:
Im Schnee die Fährte (1955) .Japanische Gedichte
der neueren Zeit. München: R.Piper.
Fassung
der Aufgabe in: Dimensionen. Lernstationen
3, S. 128
a. Drei Wörter fehlen. Ergänzen Sie.
Ich
habe ____________ gekauft
Und habe ______________________
geschenkt bekommen.
Wie glücklich bin ich,
beides in meinen Händen zu halten.
b.
Lesen Sie Ihren Text vor.
c. Hören Sie das Gedicht von Kithara Hakashu
und vergleichen Sie.
/3/
Winterlied, Erste Strophe aus: Ulla Hahn,
Herz über Kopf. Gedichte. Deutsche Verlagsanstalt
Stuttgart.
/4/
Aus: Ulla Hahn (2003): Süßapfel rot. Gedichte.
Stuttgart: Reclam (UB 18249), Nachwort, 95).
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