Petneki Katalin
Lehrbücher des Deutschen in Ungarn
im Spiegel der Laufbahn einer ungarischen Lehrbuchautorin

 

Anfang der 70er Jahre brauchte man sich den Kopf nicht zu zerbrechen, aus welchem Lehrbuch man die deutsche Sprache unterrichten sollte. Als die jungen Germanisten, die ihre Ausbildung gerade abgeschlossen und ihre pädagogische Laufbahn als Deutschlehrer/innen angefangen hatten, gab es pro Schultyp und Jahrgang ein vom Bildungsministerium vorgeschriebenes Lehrbuch. In dieser Zeit wurden gerade neue Schulbücher herausgegeben /1/. Ende der 70er Jahre wurde dann der Lehrplan wieder erneuert, und zur Umsetzung der Anforderungen wurden parallel zum Lehrplan auch neue Lehrbücher /2/ erstellt. Diese Bücher wurden nach ihrem Autor identifiziert. Bis zum Ende der 80er Jahre hatte man im öffentlichen Schulunterricht eigentlich die Qual der Lehrbuchwahl nicht gekannt.

Für die Sprachkurse in der Erwachsenenbildung gab es auch meist nur ein Lehrbuch, herausgegeben von dem staatlichen Lehrbuchverlag /3/. Diese Lehrbücher des Deutschen orientierten sich an den stark grammatikorientierten Anforderungen der damaligen staatlichen Sprachprüfungen. Die Lektionen behandelten die Prüfungsthemen. Die Grammatik wurde anhand von muttersprachlichen Erklärungen dargestellt, und es gab Übungen, in denen die Lerner Sätze übersetzen mussten. Lernziel war das Zertifikat selbst, das an bestimmten Arbeitsplätzen vorgeschrieben wurde, und viele konnten ihr Gehalt mit einem Zuschlag für nachgewiesene Sprachkenntnisse bzw. für das vorgelegte Zertifikat aufbessern. Da die Mobilität auch in Ungarn beschränkt war – wie in den sozialistischen Ländern im Allgemeinen – konnte die mangelnde Sprachkompetenz verdeckt bleiben. Diejenigen Arbeitnehmer aber, die die Sprache wirklich beherrschen mussten, die sie zu ihrem täglichen Job brauchten, haben sich mit ihren fehlenden Sprachkenntnissen abgequält.

In dieser Situation begann eine Gruppe junger Deutschlehrer/innen ihre Laufbahn im Weiterbildungsinstitut für Handel und Gastgewerbe. In dieser Branche waren auch schon in den 70er Jahren Fremdsprachenkenntnisse unerlässlich. Das bedeutete, es reichte nicht das Zertifikat, man musste in der Fremdsprache handlungsfähig sein. Es gab aber keine Lehrbücher, womit die jungen Lehrerinnen und Lehrer diese Aufgabe hätten lösen können. Sie verfügten noch über keine besonderen Unterrichtserfahrungen, so war es etwas waghalsig, Lehrmaterial für den Handel und das Gastgewerbe zusammenzustellen. Es begann mit kleinen Dialogen, die Situationen im Handel und im Gastgewerbe auf einem elementaren Sprachniveau simulierten. Dieses Material wurde den Kursteilnehmern durch eine primitive Vervielfältigungstechnik in Mappen geordnet zur Verfügung gestellt.

Es bestand also Bedarf an Lehrmaterial sowohl für den fach- bzw. berufsspezifischen als auch für den allgemeinen Deutschunterricht. Nach den ersten Versuchen entstand zuerst eine Wortschatzsammlung, die den Wortschatz für die Sprachprüfung thematisch zusammengefasst hatte. Der erste richtige Umbruch auf dem Gebiet der Lehrbücher geschah 1984, als das zweibändige Lehrbuch „Und was meinen Sie?“ von Mária Balázsik, Réka Ivády und Anna Szablyár /4/ erschien. Schon der Titel war Aufsehen erregend: er fragt ja nach der Meinung des Lerners. Auch dieses Buch hatte die üblichen Prüfungsthemen behandelt, wie die früheren Lehrbücher. Trotzdem gab es viele Neuerungen. Die Themen wurden mit verschiedenen Textsorten dargestellt, und der Sprachlerner wurde immer wieder angesprochen und nach seiner Meinung gefragt, was früher nicht üblich war. Das Ziel der Übungen war, den Lernern zu ermöglichen, ihre Meinung wirklich ausdrücken zu können. Humor war auch mit Karikaturen und Witzen vertreten. Obwohl es in Ungarn kaum Lehrwerkkritik gab, wurde das Lehrwerk drei Jahre nach dem Erscheinen in der Zeitschrift DUfU (=Deutschunterricht für Ungarn) rezensiert /5/. Dieses Lehrbuch, das seitdem mehrmals neu aufgelegt wurde /6/, erfreute sich einer großen Beliebtheit unter Kolleg/innen, die ihre Kursteilnehmer nicht nur auf die Sprachprüfung vorbereiten, sondern auch die kommunikative Handlungsfähigkeit ihrer Lerner fördern wollten.

Mit diesem Lehrwerk – beinahe hätte ich vergessen hinzuzufügen, dass „Und was meinen Sie?“ mit zwei Tonkassetten ausgestattet war, was damals eine Rarität war – hatte Anna Szablyár ihre Fähigkeiten als Lehrbuchautorin eindeutig bewiesen. Sie hatte aber auch gezeigt, dass die Entwicklung eines Lehrwerks im Alleingang wenig fruchtet. Es bedarf einer Zusammenarbeit, einer ständigen Reflexion im Laufe der Entstehung. So erscheint Anna Szablyár nie als die einzige Autorin eines Lehrwerks, sondern immer in Zusammenarbeit mit anderen. Nur so kann nämlich gewährleistet werden, dass Lehrbücher für den Deutschunterricht entstehen, die nicht nur dem Nationalen Grundlehrplan, den Anforderungen der Prüfungen, sondern auch den Bedürfnissen und Interessen der Sprachlerner entsprechen können.

Um die sog. „Wende“, wo Russisch kein Pflichtfach mehr war, und wo man plötzlich andere Fremdsprachen als erste Fremdsprache unterrichten durfte, wollten viele Kolleg/innen den Lehrbuchmangel mit ausländischen Lehrwerken überbrücken, die gleichzeitig mit ihrer kommunikativ orientierten Konzeption auch zur Erneuerung der heimischen Unterrichtspraxis beitragen sollten. So hatte man am Anfang der 90er Jahre angefangen, in den Schulen mit Lehrwerken deutscher Verlage in Lizenzausgabe zu arbeiten (etwa mit Deutsch aktiv Neu oder mit Themen), die ursprünglich aber nicht für die Altersgruppe ungarischer Schüler verfasst wurden. Die nicht adäquat gewählten Lehrwerke hatten so bei vielen Deutschlehrer/innen oft zur Frustration und Enttäuschung geführt. Es reichte also nicht, wenn ein Lehrwerk didaktisch-methodisch gut konzipiert war, es sollte auch die Zielgruppe ansprechen können. So lag die Notwendigkeit eines neuen regionalen Lehrwerks auf der Hand. Vor allem fehlte es an einem Lehrmaterial, das die Fortsetzung des Deutschunterrichts in Gymnasien und anderen Mittelschulen ermöglichen könnte. Anfang der 90er Jahre hatten nämlich die meisten Schüler in den Grundschulen noch Deutsch als erste Fremdsprache gelernt. Es standen eher Lehrbücher sowohl für die Primarstufe als auch für die Sekundarstufe 1 zur Verfügung, aber wenn die Schüler im 9. Jahrgang die Schule wechselten, gab es kein entsprechendes Material zur Fortsetzung des Deutschlernens. Die Folge davon war, dass die Schüler entweder Deutsch abgewählt und eine andere Fremdsprache oder Deutsch wieder von vorne angefangen hatten, was natürlich eine starke demotivierende Wirkung hatte. Deshalb wurde mit der Erarbeitung eines neuen Lehrwerkkonzeptes an der Universität ELTE unter der Leitung von Anna Szablyár begonnen. Zielsetzung des neuen Lehrwerks „Deutsch mit Grips“ war, „die Kommunikationsfähigkeit der Schüler auf ein gemeinsames sprachliches Niveau zu bringen“ /7/, und dabei die Lernkompetenz der Schüler auszubauen und zu fördern. Es war gar nicht einfach, eine neue Auffassung im ungarischen Unterrichtskontext durchzusetzen. Ungarische Lehrbuchverlage haben sich nicht getraut, ein von der ungarischen Lehr- und Lerntradition abweichendes Lehrwerk herauszugeben. So landete das Manuskript von „Deutsch mit Grips“ letztendlich beim Klett-Verlag. Denn was wollte die federführende Autorin und ihr Team mit dem neuen Lehrwerk? „Trotz «klassisch-konservativer» Erwartungen, Einstellungen eines Teils von ungarischen Sprachlehrern Lehrwerken gegenüber und auch wegen unterschiedlicher Unterrichtskonzepte, Lehr- und Lerntraditionen oder auch deshalb, sollten Offenheit, attraktive und Erfolg versprechende Angebote, bestimmte Freiräume für durchdachte Aktivitäten mit fakultativem Charakter die Deutschlehrer für die Arbeit mit Grips gewinnen.“ /8/

Die vom Klett Verlag zwischen 2001-2004 veröffentlichte Lehrwerkreihe enthält in der Tat viele neue didaktisch-methodische Angebote, mit denen man nicht mehr traditionell arbeiten kann. Hier möchte ich nur auf die wesentlichsten Merkmale hinweisen wie Systematisierung des früher Gelernten, die Lernerautonomie fördernde Aufgaben, Umgang mit authentischen Texten, Vermittlung von Lehr- und Lerntechniken, Angebotscharakter des Übungsapparats, Unterscheidung von rezeptivem und produktivem Wortschatz bzw. rezeptiver bzw. produktiver Grammatik. Dies alles führt dazu, dass der Lehrkraft ein Angebot zur Verfügung steht, mit dem ein differenzierter Sprachunterricht ermöglicht wird.

Man könnte meinen, dass das neue Lehrwerk ein großer Erfolg sein würde. Das ist aber so nicht eingetreten. Einerseits trauen sich viele Deutschlehrer/innen in den Mittelschulen nicht, auf die Kenntnisse aus der Grundschule zu bauen, andererseits ist es oft auch nicht möglich, weil die Vorkenntnisse eigentlich gar nicht vorhanden sind. Wo man trotz all der Schwierigkeiten das Lehrwerk ausprobiert hat, war die Rückmeldung sowohl seitens der Lehrkräfte als auch von Schülern doch meist positiv. Vor allem die gut ausgewählten Texte und die kreativen Aufgaben wurden als Vorteil erwähnt. Das regionale, d.h. ungarische Arbeitsbuch hat dazu beigetragen, Zielsprache und Muttersprache kontrastiv zu betrachten, ohne sich unbedingt auf die Übersetzung von Beispielsätzen beschränken zu müssen. Dass das Lehrwerk nicht nur fachlich gut gelungen ist, sondern auch für Deutschlerner anderer Länder eine Anziehungskraft hat, beweist die Tatsache, dass Klett International das Lehrwerk auch in anderen Ländern (etwa in Litauen, Norwegen, Polen und Tschechien /9/) mit einem jeweils regionalen Arbeitsbuch herausgegeben hat.

Da die Entstehung der Lehrwerkreihe recht lange gedauert hat, sind parallel dazu noch unter der Federführung von Frau Szablyár einige Ergänzungsmaterialien (z.B. thematische Wortschatzsammlung zu Prüfungsthemen, Testaufgaben zum neuen Abitur usw.) erstellt worden.

Die reichen Erfahrungen in der Erstellung von Lehrwerken fanden ihren Niederschlag in wissenschaftlichen Publikationen /10/ und Konferenzbeiträgen /11/. Die Laufbahn der Lehrbuchautorin Anna Szablyár zeigt, dass gute Lehrwerke nur auf einer didaktisch-methodisch fundierten Konzeption aufgebaut und in Zusammenarbeit mit einem verlässlichen Team entwickelt werden können. Solche Materialien können nach Hermann Funk, „wenn Theorie und Praxis zusammenarbeiten, ein gestuftes, geordnetes, theoretisch fundiertes Lernprogramm sein, eine Leitlinie, die Theorie- und Praxiserfahrung enthält und verfügbar macht“. /12/

Literatur:
Funk, Hermann: Qualitätsmerkmale von Lehrwerken prüfen – ein Verfahrensvorschlag. In: Babylonia 3/04, S. 41-47. www.babylonia-ti.ch/BABY304/pdf/funk.pdf
Petneki Katalin/Szablyár Anna: Lehrbücher und Lehrwerke des Deutschen im ungarischen Kontext. ELTE Germanisztikai Intézet, Budapest, 1998.
Szablyár, Anna: Wie könnten Schüler aus dem Sprachgefängnis befreit werden? Fragen der Progression am Beispiel des Konzepts eines Lehrwerks für fortgeschrittene Jugendliche. (Deutsch mit Grips). Konferenzbeitrag, Dublin, 2004. Unveröff. Manuskript.

Bilder:
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http://www.alexandra.hu/pictures/80/170150F.gif (2006-12-26)
http://www.tujapont.hu/product_info.php?products_id=11579 (2006-12-26)


/1/ 1966-69: Bogdány/Czéhmester/Fülei-Szántó/Tálasi: Német nyelv.
/2/ 1979: Szanyi Gyula: Német nyelv.
/3/ 1969: Tímár: Német nyelvkönyv. 1976: Haán/Pongrácz/Simonné: Német nyelvkönyv.
/4/ 1984: Belkereskedelmi Továbbképzõ Intézet, Budapest.
/5/ Bassola Péter, DUfU 1/1987, S. 26-28.
/6/ Neue, überarbeitete Ausgabe: 1991, JPTE, 2002, Holnap Kiadó
/7/ Szablyár, 2004
/8/ Szablyár, 2004
/9/ Diese Angaben findet man im Internet, wenn man den Titel des Lehrwerks in die Suchmaschine einträgt.
/10/ Z.B. Petneki/Szablyár, 1998.
/11/ Z.B. Sektionsleitung an der Internationalen Deutschlehrertagung 2005 in Graz zum Thema „Lehrwerke auf dem Prüfstand.
/12/ Funk, 2004, S. 42.