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Reder Anna
Paradoxa
im DaF-Unterricht
1.
Konkrete Poesie als Anregung zur Fragestellung
Praktizierende
Deutschlehrende teilen wohl die Erfahrung,
dass konkrete Poesie im Sprachunterricht die
Lerner in der Regel motiviert. Vor allem dann,
wenn das Fragment eines Gedichts zum Ergänzen
vorliegt. Solche Aufgaben finden wir auch
im Lehrbuch “Deutsch mit Grips”, die die Jubilarin
mit Kolleginnen als regionales Lehrwerk konzipiert
hat, wie z. B. im Arbeitsbuch Band 3 auf Seite
86. Da sollen Abiturienten einem Gedicht einen
Titel geben. Bei der Lösung dieser Aufgabe
entstehen originelle Endprodukte, die dann
zu weiteren Gesprächen in der Arbeitsgruppe
oder im Plenum anregen.
Das war auch hier der Fall, als Ernst Jandls
Gedicht “fünftersein” von Lehramtsstudierenden
für Deutsch als Fremdsprache und Minderheitensprache
an der Universität Pécs betitelt und beendet
wurde. Die folgende offene Aufgabe wurde in
der Einstiegsphase eines Seminars gestellt:
Das zitierte Jandl-Gedicht sollte mit Titel
und Endzeile versehen werden:

Diese
“Aufwärmübung” erbrachte zahlreiche mehr oder
weniger pointierte, auf jeden Fall kreative
Varianten hervor. Eine hieß “Prüfung”, und
die letzte Zeile war die Gruß- und Anredeform
“Guten Tag Herr Lehrer”. Die zur Gedichtergänzung
verwendete nominale Anrede bildet den Ausgangspunkt
für die Fragestellung im vorliegenden Aufsatz:
Welche Argumente gibt es für und wider der
Anredeform – Herr Lehrer / Frau Lehrerin
- im Deutschunterricht in Ungarn?
In diesem Zusammenhang werden anschließend
paradoxe Situationen im Unterricht angesprochen
und weiter differenziert. Dabei gehe ich der
Frage nach, ob die Kommunikation in der Zielsprache
zwischen Lehrer und Lerner gleicher Erstsprache
einen natürlichen Rahmen für interkulturelle
Kommunikation bietet. Es werden darüber hinaus
Vorschläge unterbreitet, wie man Paradoxa
im Unterricht entschärfen könnte. Der Aufsatz
versteht sich gleichzeitig als Plädoyer für
die Anredeform Herr X / Frau X (X
= Familienname) in Deutschstunden in Ungarn.
2.1
Motivationsparadoxon
Deutschlerner,
die das oben zitierte Jandl-Gedicht durch
“Guten Tag Herr Lehrer” beendeten, haben diese
Zeile in den vom Titel vorgegebenen Kontext,
eine Prüfungssituation, eingebettet und damit
zweifelsohne einen passenden Abschluss “gedichtet”.
Das so entstandene neue Gedicht belegt, dass
nicht nur das Prüfungsgespräch auf Deutsch
geführt wird, sondern die Prüflinge den Prüfer
in der Zielsprache begrüßen und anreden. Die
zielsprachliche Kommunikation im Sprachunterricht
zwischen Lehrer und Lerner oder im Idealfall
zwischen Lernern ist bei der Umsetzung des
kommunikativen Ansatzes eine Selbstverständlichkeit,
wobei nach den Prinzipien “der aufgeklärten
Einsprachigkeit” (Butzkamm 1978) und des “aufgeklärten
Sprachgebrauchs” (Boócz-Barna 2005: 40) keine
strenge Zielsprachigkeit angestrebt werden
muss. Es kommt in der Praxis bekanntlich häufig
zum Kodewechsel. Die folgende Minisequenz
aus dem Anfängerunterricht veranschaulicht
die Verwendung zweier Sprachen in einer Unterrichtstunde
für Anfänger: Der Lehrer (L) schildert eine
mögliche authentische Situation und formuliert
eine Aufgabenstellung:
L: Deine Eltern wollen dir etwas für die
Schule kaufen. Schreib einige Gegenstände
auf, die du für die Schule brauchst.
Schüler (S) schreiben in kurzer Zeit einige
Schulutensilien auf. Anschließend erfolgt
die Präsentation im Plenum.
L: Was brauchst du momentan für die Schule?
S: Ich brauche einen Kuli.
Lehrer versucht ein Gespräch zu initiieren,
indem er fragt:
L: Warum brauchst du einen neuen Kuli?
Schreibst du gern mit Kuli?
S: Nem volt jó a mondat? (= War der
Satz nicht richtig?)
Der Schüler erkennt die Illokution des Lehrers
nicht, dass er eine mitteilungsbezogene Kommunikation,
ein inhaltsbezogenes, echtes Gespräch führen
wollte. Ohne die Frage zu beantworten, stellte
er eine neue Frage, die sich auf die Sprachform
bezieht und nicht in der Zielsprache sondern
auf Ungarisch formuliert wurde.
Über den Kodewechsel hinaus ist der obige
Dialog gleichzeitig ein Beleg für jenes Phänomen,
das in der einschlägigen Literatur als “Motivationsparadoxon”
bezeichnet wird. Um die Fremdsprache zu üben,
muss eigentlich eine künstliche Motivation
zur Sprachwahl aufrechterhalten werden, wenn
der Lehrer kein Muttersprachler ist und dieselbe
Erstsprache spricht wie seine sprachlich homogene
Klasse. Aus der Perspektive des Informationsaustausches
stünde den Lernern und dem Lehrer eine gemeinsame
Sprache, die L1 als primäres Kommunikationsmittel
zur Verfügung. Warum sollte man sich unter
diesen günstigen Bedingungen für die Zielsprache
entscheiden? Es besteht letztlich keine echte
Notwendigkeit, beim Informationsaustausch
die Fremdsprache zu verwenden. Die Beteiligten
beherrschen den primären Kode sogar automatisiert,
so ist es eher ein Zwang, sich trotzdem in
der Fremdsprache zu verständigen (vgl. Pauels
1990: 40). Man soll sich einer Sprache bedienen,
die man noch nicht beherrscht, und soll die
im wahrsten Sinne des Wortes selbstverständliche
Muttersprache nicht verwenden. Diese Unnatürlichkeit
verleitet Lerner aber auch Lehrer leicht zum
Kodewechsel. So ist es nicht verwunderlich,
dass Lerner oft auf die L1 ausweichen, wenn
sie sich mit dem Lehrer austauschen, während
sie die Kommunikation in der Zielsprache eher
als formbezogenes Üben auffassen.
Zur Motivation, sich der Zielsprache zu bedienen,
dient demnach weniger eine kommunikative Absicht,
sondern eher das Ziel, Deutsch zu üben. Effektives
Sprachenlernen setzt jedoch die Kommunikation
in der Zielsprache nicht nur als Übungsform
voraus. Damit Lerner im Unterricht echte Kommunikationsmöglichkeiten
auf Deutsch wahrnehmen, sollten sie ihre Einstellung:
‚In der Fremdsprache wird die Sprachform geübt,
Inhalte werden jedoch in der Muttersprache
ausgetauscht’ ändern und in die Richtung entwickeln,
dass im Unterricht auch Inhalte auf Deutsch
vermittelt werden können. Gespräche müssen
sich auch in der Deutschstunde nicht ausschließlich
auf die Sprachform beziehen.
Wie kann Lernern bewusst gemacht werden, dass
Sprachen und so auch Unterrichtsgespräche
mehrere Funktionen haben? Lehrer sollten Schüler
in Kenntnis setzen, welches Ziel die jeweilige
Unterrichtssequenz verfolgt. Es sollte explizit
erklärt werden, ob lediglich geübt, ob eine
mögliche authentische Situation sprachlich
bewältigt wird oder ein echter Informationsaustausch
stattfindet. Die Bewusstmachung der Schülerrolle
in den einzelnen Unterrichtsphasen, ob er
als Lerner lernt oder eine Rolle spielt in
einer simulierten Situation bzw. als Person
sich selbst äußern darf oder soll, könnte
die Effektivität der formbezogenen Übungen
und die der mitteilungsbezogenen Kommunikation
erhöhen. Ein Beispiel dafür, dass schon in
der Aufgabenstellung die Lerner darauf aufmerksam
gemacht werden können, dass der Informationsaustausch
im Mittelpunkt steht, ist einem Didaktisierungsvorschlag
aus “Grammatik kreativ” zu entnehmen. Beim
Üben von gern +Verb oder mögen als Vollverb
+ Nomen sollen die Lerner Dinge aufschreiben,
von denen sie vermuten, dass der Lehrer bzw.
der Partner sie mag oder gern tut. “Weisen
Sie darauf hin, dass die Teilnehmer über unbekannte
Dinge spekulieren und nichts aufschreiben
sollen, was ohnehin alle über die Lehrkraft
/ den Partner wissen“ (Gerngroß / Krenn /
Puchta 1999: 16). Bei einem solchen Gespräch
über Vorliebe und Abneigung entsteht vermutlich
das Bedürfnis, die Lehrenden auf Deutsch anzusprechen.
Welche weiteren Möglichkeiten hat der Lehrer
mitteilungsbezogne Kommunikation in der Fremdsprache
zu initiieren? Er hat z. B. “als Klassenlehrer
organisatorische Aufgaben zu erledigen“ (Szablyár
/Fazekas 2001: 20). Falls diese Aktivitäten
in der Zielsprache durchgeführt werden, bieten
sie echten Gesprächsstoff. Butzkamm (1989)
empfiehlt Sequenzen für mittelungsbezogene
Kommunikation zur Unterbrechung der Strukturübungen
zu planen. Echte Kommunikationssituationen
ergeben sich im Klassenraum für die Beteiligten,
wenn möglichst alle nicht voraussagbaren Zwischenfälle
im Unterricht in der Zielsprache bewältigt
werden und die Unterrichtsorganisation weitgehend
auf Deutsch geführt wird. Butzkamm listet
in “Wörter und Wendungen” eine Vielzahl von
Redemitteln auf, die eine solide Basis dazu
gewährleistet. Er beschreibt die sprachliche
Erfassung zahlreicher Sprechakte für den schulischen
Kontext, wie z. B. Aufforderung, Verbot, Lob,
Mahnung, etc. Zum Sprechakt Ansporn und Ermutigung
stellt er zahlreiche Redemittel zur Verfügung,
wie z. B.
“Das
geht doch noch besser. Das muss noch besser
gehen. Das habt ihr schon mal besser gemacht.
Der nächste Versuch wird hoffentlich besser.
Beim nächsten Versuch klappt's hoffentlich
besser. Nicht den Mut verlieren! Nicht so
schnell aufgeben. Nur geduld! Diese Laute
sind für Engländer (Argentinier, Taiwanesen,
...) sehr schwierig. Aber das schaffen wir
schon. Ganz ruhig, keine Eile, wir haben genug
Zeit. Ihr sollt nicht raten, sondern genau
überlegen. Ich helfe euch, wenn ihr stecken
bleibt. Das hört sich aber noch sehr englisch
/ sehr holprig an; versuch's noch mal. Da
sind noch eine paar Schwierigkeiten mit....
Du hast noch einige Probleme mit ... . Es
gibt noch einige Probleme mit ... . Du bist
auf dem richtigen Weg. Das kommt schon eher
hin. (Nur zu.) Versuch's noch mal!. Diesmal
war's (fast) richtig. Das war schon ein wenig
/ viel besser. Das ist wesentlich besser.
Du machst das immer besser. Das hört sich
schon viel besser an. Das hört sich schon
sehr deutsch an. Du hast in den letzten Monaten
große Fortschritte / Riesenfortschritte gemacht.
Du machst (sehr) gute / erstaunliche /erfreuliche
/ enorme Fortschritte. Weiter so!” (Butzkamm
1996: 70-71).
Diese
kleine Kostprobe zeigt eine reichhaltige,
empfehlenswerte Sammlung von spezifischer
Schullexik. Es gibt bei der Behandlung des
Sprechaktes Begrüßung auch einen Hinweis auf
die Kulturspezifik, dass nämlich “während
des Vormittags Guten Morgen! gesagt” wird
(Butzkamm 1996: 24). Allerdings enthält das
Material keine Vorschläge für kulturspezifische
Anredeformen.
2.2 Das Mittel-Ziel-Paradoxon
Gelingt es dem Lehrer ein Paradoxon aufzulösen
und die Lehrenden zu überzeugen, dass im Unterricht
die Sprache nicht nur geübt wird, sondern,
dass man im Sprachunterricht auch inhaltsbezogen
Informationen austauschen kann, (Stellung
nehmen, Meinung und Wünsche äußern, Erlebnisse
beschreiben) so birgt die Interaktion in der
Zielsprache ein weiteres Paradoxon. Die Verständigung
auf Deutsch ist im Unterricht auch durch das
“Mittel-Ziel-Paradoxon” beeinträchtigt, da
die Fremdsprache Ziel und Mittel gleichzeitig
ist. Bei dem Ziel, sich eine Fremdsprache
anzueignen, während die Zielsprache selbst
als Mittel fungiert ist es wohl unausweichlich
auch Kenntnisse in weiteren Fremdsprachen
heranzuziehen, wie dies auch im obigen Stundenausschnitt
zu beobachten ist. Es entsteht häufig eine
Diskrepanz zwischen Sprechabsicht und Sprachkompetenz
des Lerners. “ Die Kluft zwischen 'sagen wollen'
und 'sagen können'... “ (Szablyár / Petneki
(1998: 186). ist häufig sehr groß. Diese Lücke
kann bei mündlicher Kommunikation durch den
Deutschlehrer, der die L1 der Lerner spricht,
kurzerhand geschlossen werden. Der Lerner
bedient sich dabei einer bekannten sozialen
Strategie, wenn er seinen Kommunikationspartner,
den Lehrer oder Mitschüler in der L1 nach
dem deutschsprachigen Äquivalent fragt. Diese
Strategie ist, auch wenn sie mit Kodewechsel
einhergeht, effektiver als das Aufgeben der
Sprechabsicht (zu Strategien siehe Edmondson
/ House 2000: 239). Über soziale Strategien
hinaus dienen wohl Sprachkenntnisse, L1- und
weitere Fremdsprachenkompetenzen, als Vorlage
zur Formulierung zielsprachiger Ausdrücke,
wie das z. B. häufig auch für Anredeformen
zutrifft (siehe Gedichtergänzung oben).
2.3
Das Kommunikationsparadoxon
Im Unterricht kommt nicht nur das Problem
zum Tragen, dass Lernziel und Lernmedium identisch
sind, sondern auch die Besonderheit, dass
Lehrer Fragen stellen, die keine echten Fragen
sind. Bei didaktischen Fragen, die dem Sprachenlernen
dienen, spricht man von didaktischer Illokution
(vgl. Storch 1999: 298). Kommunikationstypen,
in denen Lehrer fragen und Schüler antworten,
gehören zum Alltag des Sprachunterrichts und
sind “häufig vorkommende Interaktionsmuster
zwischen Lehrkraft und Schüler(n)” (Lochtman
1999: 208). Schüler werden im Laufe ihrer
schulischen Sozialisation geradezu dazu angehalten,
didaktische Fragen zur Wissensvermittlung
zu beantworten. Kommunikation im Unterricht
hat in der Regel die Funktion, sich neue Kenntnisse
anzueignen, wobei der Lehrer als der Wissende
fragt und der Schüler als Nichtwissender antwortet
(vgl. Becker-Mrotzek /Brünner 1998: 14). Die
aus didaktischen Gründen gestellten Fragen
haben die Funktion, den Lerner zum neuen Wissen
zu verhelfen. Dazu dienen z. B. in der Übungsphase
geschlossene Fragen. Wenn z. B. selektives
Textverstehen geschult wird, indem der Lerner
aus dem im Lehrbuch abgedruckten Fernsehprogramm
entnehmen soll, wann die Nachrichten beginnen,
kann man eher von einer didaktischen Fragestellung
sprechen, die zu Übungszwecken eingesetzt
wird. Im Zeitalter des Internets können und
sollten jedoch solche didaktischen Fragen
durch handlungsorientierte Aufgaben ergänzt
werden. Die obige geschlossene Frage kann
durch einen offenen, lernerorientierte Impuls
erweitert werden. Lerner sollten nach ihren
eigenen Interessen in der aktuellen Programmzeitschrift,
die im Internet auch auf Deutsch kostenlos
zugänglich ist, Sendungen auswählen, die sie
sich ggf. am Abend sogar anschauen.
2.4
Das Lehr- und Sprechparadoxon
Ein weiteres Paradoxon im Sprachunterricht
wird in der Literatur mit “Lehrparadoxon”
bezeichnet. Der Widerspruch entsteht aus dem
Unterschied zwischen schulischen Kontext und
realen Situationen. Man könnte es auch als
“Situationsparadoxon” bezeichnen. Lehrer wollen
nämlich im kommunikativen Fremdsprachenunterricht
den Lernern beibringen, wie sie außerhalb
des Unterrichts kommunizieren sollen (vgl.
Edmondson / House 2000: 250). Um dieses Ziel
zu erreichen, wird im Unterricht “der Ernstfall”
geprobt. So werden Situationen im Unterricht
nachgestellt, dass z. B. der Lerner als Reisender
oder als Kunde etc. agiert. Diese Unterrichtsituation
ist in der Regel künstlich. Der Lerner outet
sich nämlich nicht als Lerner. Er übernimmt
für den Unterricht Rollen, die auf alltäglichen
Situationen basieren. Dieser Unterricht bietet
nur wenig Möglichkeiten zu normalem kommunikativem
Verhalten an, in denen sich der Lerner als
Person äußert, ohne dass er eine fremde Identität
auf sich nimmt. Die meisten Sprechhandlungen
werden in sprachbezogenen Übungen oder in
simulierten Dialogen ausgeübt, was den Transfer
in die außerunterrichtliche Realität nicht
automatisch begünstigt (Storch 1999: 298).
Formbezogene Übungen kommen zwar den Erwartungen
vieler Lerner (und auch Eltern) entgegen ?
in der Schule soll schließlich Deutsch geübt
werden ? ergeben jedoch im Unterricht das
sog. “Sprechparadoxon”. Man spricht aus Übungszwecken.
Außerhalb des Unterrichts ist es unüblich,
dass man spricht, ohne eine Sprechabsicht
zu haben. Die Informationen, die bei formbezogenen
Übungen vermittelt werden, sind in der Regel
nicht Inhalte, sondern Kenntnisse über Strukturen,
Wort und Satz- sowie Textformen.
Diese Paradoxa wenigstens teilweise aufzuheben,
stellt Lehrer und Lerner tagtäglich im Fremdsprachenunterricht
vor Herausforderungen. Bereits bei der Planung
von Unterrichtseinheiten sollte in Erwägung
gezogen werden, wie viel Raum für das Üben
und wie viel für das mitteilungsbezogene Kommunizieren
bereitgestellt werden kann. Dabei wird angenommen,
dass die Lerner motiviert werden können, nicht
nur die Übungen mitzumachen, sondern sich
auch an Gesprächen zu beteiligen. Butzkamm
schlägt vor: “Soviel Üben wie nötig, soviel
Kommunizieren wie möglich” (Butzkamm 1989:
152). Diese Faustregel in der Praxis umzusetzen,
bringt für den Unterricht unterschiedliche
Anteile an Üben und Kommunizieren. Wie ist
denn die effektivste Verteilung dieser beiden
Formen? Diese Frage erfährt wohl in der Unterrichtspraxis
je nach Zielgruppe und deren Lernziel unterschiedliche
Antworten. Gemeinsam ist jedoch, dass die
Bevorzugung einer Aktivität, z. B. des Übens
nur auf Kosten der anderen Aktivitätsform,
des Kommunizierens bewerkstelligt werden kann.
Eine kreative Aufgabe, wie das freie Ergänzen
eines Gedichtes (siehe Abschnitt 1) kann an
der Schnittstelle von Üben und Kommunizieren
angesiedelt werden. Die Begründung der einzelnen
Lösungen kann nämlich zum Sprechanlass dienen
und so als Möglichkeit zur echten Kommunikation
wahrgenommen werden.
2.5
Künstliche und echte Rollen
2.5.1 Der interkulturelle Ansatz
Üben und Kommunizieren im Fremdsprachenunterricht
wird häufig mündlich durchgeführt Damit ergibt
sich die Notwendigkeit, dass sich die Beteiligten
ansprechen. Die Frage, wie der Lerner seinen
Lehrer anreden soll, wird in Butzkamms Wörter
und Wendungen nicht behandelt. Dadurch könnte
man darauf schließen, dass im schulischen
Kontext im deutschsprachigen Raum keine speziellen
Anredeformen üblich sind. Damit ist jedoch
die Frage noch nicht beantwortet, ob die Anredeformen
im Allgemeinen und damit verbunden die Höflichkeitspräferenzen
in der Ausgangs- und Zielkultur von einander
abweichen. Die Relevanz der kulturellen Gemeinsamkeiten
und Unterschiede wurde bereits durch den interkulturellen
Ansatz ins Blickfeld des Fremdsprachenunterrichts
gerückt. Ausgangspunkt des interkulturellen
Ansatzes ist bekanntlich, dass das Erlernen
einer Fremdsprache stets mit kulturvergleichendem
Lernen einhergehen sollte.
“Fremdsprachenlernen
erfolgt immer vor dem Hintergrund der eigenkulturellen
Prägung der Lernenden, d.h Fremdes und Eigenes
gehören in der Betrachtung zusammen” (Krumm
1995: 158).
Bei
der Erarbeitung sprachlicher und landeskundlicher
Phänomene wird in diesem Ansatz vergleichend
verfahren. Auf den Kontrast der Ziel- und
Ausgangskultur abzielende Aufgabenstellungen
finden wir reichlich in “Deutsch mit Grips“.
Eine Übung z. B., die das Lesen von Diagrammen
schult, ist durch die Frage ergänzt “wie die
Situation in Ungarn ist“ (Arbeitsbuch 3. S.
82). Bei Butzkamm lässt sich z. B. feststellen,
dass die Grußform in deutschen Schulen am
Vormittag Guten Morgen ist (Butzkamm 1996:
24), während in Ungarn sowie in Österreich
bekanntlich nur in den ersten zwei Stunden
mit guten Morgen und schon am Vormittag mit
Jó napot! (= Guten Tag) gegrüßt wird. Wenn
wir noch ein Beispiel von kommunikativen Formeln
heranziehen, finden wir weitere interkulturelle
Diskrepanzen. Die Grußformel Tschüss unterscheidet
sich z. B. von seinem ungarischen Äquivalent
darin, dass Tschüss lediglich für das Sichverabschieden
verwendet wird, während szia auch bei Begegnung
zur Kontaktaufnahme dienen kann. Das ungarische
Grußwort szia wie auch das österreichische
Servus ist nicht differenziert, verhält sich
neutral gegenüber der Unterscheidung, sich
treffen oder verabschieden. Die beiden Grußformeln
Tschüss und szia unterscheiden sich auch auf
der pragmatischen Ebene. Im ungarischen Sprachgebrauch
ist szia informeller und geht mit duzen einher,
während Tschüss nicht an Duzen gebunden ist.
In einigen Schulen im deutschsprachigen Raum
kann Tschüss sogar vom Schüler als Sprecher
an den Lehrer als Adressaten gerichtet werden,
auch wenn sie sich siezen. Die hierarchische
Beziehung zwischen dem Lerner und dem Lehrer
untersagt im Ungarischen eine für einen symmetrischen
Partnerbezug typische, informelle Grußform.
Es handelt sich also bei Grußformeln wie auch
bei Anredeformen im Allgemeinen und so auch
im schulischen Kontext um Konventionen, die
kulturell geprägt sind. Die beiden Kulturen,
nämlich die der Erstsprache sowie die der
Zielsprache können in der Praxis am ehesten
mit Hilfe von regionalen Lehrwerken berücksichtigt
werden. In dem überregionalen Lehrwerk, “Sprachbrücke”
hat man dieses Problem so gelöst, dass ein
fiktives “Lilaland” für die Erstsprache der
Lerner steht (Mebus / Pauldrach / Rall / Rösler
1989). Die Jubilarin spricht sich explicit
für die Notwendigkeit aus, regionale Sprachbücher
zu erstellen, die jedoch bestimmten Anforderungen
gerecht werden müssen (Szablyár /Petneki 1997:
25; Szablyár / Petneki 1998: 61). Sie setzt
das auch in der Praxis um, indem “Deutsch
mit Grips“ auf den Markt kommt und in Gymnasien
in Ungarn als regionales Lehrwerk eingesetzt
wird.
Jedes interkulturell konzipierte Lehrwerk,
so auch dieses kann selbstverständlich durch
weitere kulturvergleichende Aufgaben ergänzt
werden. In einer interkulturell angelegten
Aufgabe, werden z. B. Glücksbringer in Deutschland
wie Schornsteinfeger, Schwein, vierblättriges
Kleeblatt mit Glücksbringern in der eigenen
Kultur verglichen (vgl. Häussermann / Piepho
1996: 250). Solche Aufgaben können auch durch
zielgruppenspezifische Fragen ergänzt werden,
die die Subkulturen von Lernern anschneiden,
wie z. B.: Welche Phraseologismen (wie etwa
jemandem den Daumen drücken) und Gegenstände
(ein bestimmtes Masskottchen zur Prüfung mitnehmen)
einem Prüfling in deutschsprachigen Ländern
und in Ungarn Glück bringen? Die eigene als
Selbstverständlichkeit erlebte Realität wird
mit der der Zielsprachenländer verglichen.
Solche Gegenüberstellungen bieten reichlich
Anlass zur mitteilungsbezogenen Kommunikation
im Deutschunterricht. Ziel dabei ist, dass
der Lerner über die Entwicklung der Sprachkenntnisse
hinaus Verständnis für die Andersartigkeit
der Welt der Zielsprachenländer entwickelt.
Eigen- und Fremdverstehen werden in den Mittelpunkt
des Sprachlernprozesses gestellt. Die kognitive
Dimension der Sprachbeherrschung fordert in
diesem Ansatz nicht nur Kenntnisse über landeskundliche
Fakten sondern auch Wissen über kommunikative
Konventionen in den Zielsprachenländern, z.
B. auch über Anredeformen im Deutschen. Das
Wissen muss jedoch durch eine kommunikative
Dimension vervollständigt werden, damit es
über kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede
schließlich den Lerner zum der angemessenen
Sprachverhalten in der Zielkultur verhilft.
So kann z. B. das semantische Wissen über
den Bedeutungsumfang der Grußform Tschüss
und ihre Verwendung in Rollenspielen dazu
beitragen, dass ein Lerner ungarischer Muttersprache
in einer echten Situation, z. B. im Rahmen
eines Schüleraustausches, seinen Austauschpartner
nicht mit Tschüss begrüßt und dadurch ungewollt
belächelt wird.
2.5.2
Das interkulturelle Paradoxon
In übungsrelevanten kommunikativen Rollenspielen
versetzen sich Lerner in Rollen und agieren
als die jeweilige Person. Wenn sie z. B. Patienten-
oder Arzt-Rollen spielen, haben sie im Dialog
deutschsprachige Höflichkeitsregeln zu beachten,
z. B. die Anrede des Arztes. Beim Sprachgebrauch
in einer solch künstlichen Situation werden
pragmatische Regeln des Deutschen berücksichtigt
und eingeübt. In mehreren Lehrwerken findet
man z. B. Hörverstehensübungen zur Arztterminvereinbarung.
Durch das Heranziehen von authentischen Hörtexten
und Lesetexten können Lerner kultursensitive
Wörter z. B. in der Domäne Arztbesuch erarbeiten,
wie in etwa Krankenkasse, Krankenversicherung,
etc. und diese mit entsprechenden ungarischen
Einrichtungen und Verhaltensnormen vergleichen.
Kann so eine interkulturelle Herangehensweise
gewährleistet werden, wenn die Beteiligten
im Unterricht nicht in eine Rolle schlüpfen,
sondern der Lehrer als Lehrer und der Lerner
als Lerner fungiert? Die Kommunikation zwischen
Lehrer und Lerner in ihrer eigentlichen Rolle,
z. B. bei der Unterrichtsorganisation soll,
wie von Butzkamm vorgeschlagen, als echte
Situation wahrgenommen und in der Zielsprache
geführt werden. Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen.
Fraglich wird diese Situation lediglich aus
der Perspektive der Interkulturalität, wenn
nämlich Lehrer und Lerner in der Zielsprache
kommunizieren, um den Unterricht zu organisieren.
Interkulturelle Kommunikation ist nämlich
“interpersonale Interaktion zwischen Angehörigen
unterschiedlicher Kommunikationsgemeinschaften,
die hinsichtlich der ihren Mitglieder jeweils
gemeinsamen Wissensbestände und Formen sprachlichen
Handels differieren” (Knapp 2004: 413). Wenn
jedoch sowohl Lehrer als auch Lerner der gleichen
Kultur angehören, das Motivationsparadoxon
zur Sprachwahl überwunden haben und sich für
die zielsprachige Kommunikation entschieden
haben, stehen sie erneut vor einer Entscheidung.
Sollen sie z. B. bei der Anrede erstkulturelle
oder fremdkulturelle Verhaltensregeln verfolgen.
Die Entscheidung für eine zielsprachige kulturelle
Konvention durch Kommunikationspartner, die
eine gemeinsame erstkulturelle Prägung haben,
kann m. E. durch die Bezeichnung “interkulturelles
Paradoxon” erfasst werden. Der Widerspruch
ergibt sich daraus, dass Angehörige einer
gemeinsamen Kultur sich an fremdkulturellen
Normen orientieren sollen. Fremd sind für
sie nicht nur der Wortschatz und die Grammatik
sondern auch die Regeln des Sprachgebrauchs.
Anstatt dem eigenkulturellen gemeinsamen Verhaltensschema
zu verfolgen, müssen sie sich dem interkulturellen
Ansatz entsprechend von diesem als natürlich
empfundenen Verhalten absetzen. Es kann m.
E. als monokulturelle Situation bezeichnet
werden, wenn Mitglieder der Lernergruppe und
auch die Lehrkraft selbst eine gemeinsame
Erstsprache und dadurch eine gemeinsame kulturelle
Einstellung haben und der Unterricht darüber
hinaus nicht im Zielsprachenland durchgeführt
wird. Das Motivationsparadoxon, sich beim
Informationsaustausch nicht jener Sprache
zu bedienen, die man besser beherrscht (L1),
sondern einer Fremdsprache, wird unter dem
Aspekt der Interkulturalität durch das interkulturelle
Paradoxon ergänzt, wenn der Lehrende kein
Muttersprachler ist. Sich in der Fremdsprache
auszutauschen bedeutet bekanntlich nicht,
nur zielsprachige Wörter zu verwenden. Die
Kommunikationsfähigkeit beinhaltet auch eine
soziokulturelle Komponente, nämlich “die Fähigkeit,
beim Kommunizieren soziale Konventionen zu
berücksichtigen, z. B.: Welche Themen kann
man anschneiden, wenn man jemanden kennen
lernt und welche nicht? Wen spricht man mit
Sie und wen mit du an? Wie direkt oder indirekt
wird in einer Sprache bzw. soziokulturellen
Gemeinschaft kommuniziert?” (Storch 1999:
18). In diesem Zusammenhang stellen sich folgende
Fragen: Kann oder soll der nichtmuttersprachliche
Deutschlehrer die pragmatisch-kulturellen
Regeln der zielsprachigen Gemeinschaft repräsentieren?
Welche Folgen sind in Kauf zu nehmen, wenn
er diese ausklammert? Welche Art der Künstlichkeit
entsteht im Klassenzimmer, wenn er sie verkörpert?
3.
Unterschiede in der schulischen Anredekonvention
im Ungarischen und Deutschen
3.1 Kulturspezifische Anredeformen
“Anredeformen
stellen in jeder natürlichen Sprache normalerweise
einen Sonderfall dar, der von Sprache zu Sprache
unterschiedlich ist” (Ernst 2002: 55). So
ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der
Vergleich von schulischen Anredeformen in
zwei Sprachen Unterschiede aufweist. Die Äquivalente
der pronominalen Anredeformen des Deutschen
bezüglich Unterrichtssituationen bereiten
in der Regel einem Lerner ungarischer Erstsprache
kaum Schwierigkeiten, obwohl nicht nur Eins-zu-Eins-Entsprechungen
existieren. Ein Vergleich der deutschen pronominalen
Anredeformen mit ihren ungarischen Entsprechungen
ergibt folgendes Bild:
Der Lehrer spricht einen Lerner mit dt. du
= ung. te und mehrere Lerner mit dt. ihr =
ung. ti an. In Vergleich dazu hat das dt.
Sie vier Entsprechungen, nämlich Ön, Önök,
und Maga, Maguk. In der Domäne Schule fallen
die letzten beiden in der Regel weg, da sie
eher in informellen Situationen gebraucht
werden. Die Differenzierung im Ungarischen
in Singular (Ön) und in Plural (Önök) könnte
eher als Fehlerquelle für Ungarischlerner
fungieren als für Deutschlerner, die mit Sie
keine Differenzierung vorzunehmen haben. Ähnlich
wie das beim Englischsprachigen der Fall ist,
die auch noch als Fortgeschrittene große Schwierigkeiten
bei der korrekten Anredeform im Deutschen
und Französischen (du, dein vs. Sie, Ihr sowie
tu, ta, ton, tes, vs. vous, votre, vos) haben
(Roche 2001: 17).
Welche Differenzen gibt es zwischen dem Deutschen
und dem Ungarischen hinsichtlich nominaler
Anredeformen im Schuldiskurs? Die Unterschiede
sind subtiler Art. Die Anredekonvention in
ungarischen Gymnasien ist vorwiegend Tanár
Úr / Tanárnõ, deren wörtliche Übersetzung
wohl Herr Lehrer /Frau Lehrerin ist. Sind
sie vollständige Äquivalente?
Bei der Begründung, warum Studenten das Jandl-Gedicht
mit “Guten Tag Herr Lehrer” beendet haben,
führten die “Dichter” für ihre Lösung ein
auf den ersten Blick als stichhaltig ansehbares
Argumente auf. Sie behaupteten, dass der Ausdruck
Herr Lehrer eine frequente Wortverbindung
sei. Sie hätten selber tagtäglich diese Anredeform
in den Deutschstunden verwendet. Um diese
auf subjektiver Erfahrung beruhende Beweisführung
zu belegen, wurden digitale Korpora herangezogen.
Und wahrlich, wenn man das Suchwort “Herr
Lehrer” in Anführungsstrichen in die Suchmaschine
Google eingibt, werden in kurzer Zeit 81.100
Treffer vermerkt. Auch die Trefferzahl von
“Frau Lehrerin” ist mit 41.700 beachtlich
(Stichtag 12.12.06). Heißt diese hohe Vorkommenshäufigkeit
tatsächlich, dass “Herr Lehrer” vs. “Fau Lehrerin”
übliche Anredeformen im schulischen Diskurs
sind? Wie sollte der Deutschlerner situationsangemessen
seine Lehrenden begrüßen? Ist es adäquat in
einer echten Prüfungssituation den Prüfer
mit “Herrn Lehrer” anzusprechen oder verursacht
diese Anrede von vornherein schlechte Chancen
auf eine gute Note?
3.2
Sind die Anredeformen Herr Lehrer und Tanár
Úr Äquivalente?
Woher rührt die Hohe Trefferzahl von Herr
Lehrer im Google? Folgt daraus, dass “Tanár
Úr” und “Herr Lehrer” Äquivalente seien? Die
Antwort scheint auf der lexikalischen Ebene
auf der Hand zu liegen, denn tanár = Lehrer
und Úr = Herr. Die ungarische Anredeform,
“Tanár Úr” (= Herr Lehrer), in der der Beruf
mit “Herr” verbunden ist, ist für den schulischen
Kontext in Ungarn eine gebräuchliche kommunikative
Formel und daher für Lerner ungarischer Muttersprache
eine Selbstverständlichkeit. Lehrende werden
in Ungarn auch in “vielen Universitätsbereichen
... mit Frau Lehrerin und Herr Lehrer angesprochen”
(Bassola 1998: 139).
Die wortwörtliche Entsprechung der Bestandteile
eines Ausdrucks in zwei Sprachen führen jedoch
nicht immer zur völligen Äquivalenz. Falsche
Freunde können auch unter Mehrworteinheiten
auftreten (vgl. dazu Reder 2006). Unterschiede
können u.a. bezüglich des denotativen Bedeutungsumfangs
und der konnotativen Bedeutung auftreten.
Darüber hinaus können Abweichungen auch auf
der pragmatischen Ebene vorhanden sein, wenn
die Verwendungskontexte und Situationen in
der Ausgangs- und Zielsprache nicht gleich
sind.
Wenn man die hohe Frequenz von Herr Lehrer
in der Internet-Suchmaschine Google damit
konfrontiert, welche nominalen Anredeformen
die einschlägige, deutschsprachige Fachliteratur
für den schulischen Diskurs Vorschlägt, nämlich
Herr + Familienname, stößt man auf einen Widerspruch.
Die dadurch ausgelöste Unsicherheit eines
Fremdsprachenlerners wird auch dann nicht
aufgehoben, wenn er das Spezialwörterbuch
mit dem Untertitel Konversationslexikon der
ungarischen Alltagskultur konsultiert. Dieses
legt uns nahe, dass “úr mehr oder weniger
dem deutschen Herr entspricht” (Bart 2000:
124), ein vager Hinweis auf die partielle
Äquivalenz zwischen Tanár Úr und Herr Lehrer.
Zieht man einsprachige Wörterbücher zu Rate,
um zu erfahren, welche Anredeformen in deutschen
Schulen üblich sind, empfiehlt es sich, nachdem
unter Anrede nichts Spezifisches zu finden
war, bei den Lemmata Herr und Lehrer nachzuschlagen.
Im Duden Universalwörterbuch steht unter Herr
als Lesart 2a) “titelähnliche auch als Anrede
verwendete Bezeichnung für eine erwachsene
Person männlichen Geschlechts: H. Minister
/ Direktor / Doktor; lieber H. Müller”. Dieser
Eintrag enthält die fragliche Herr Lehrer
Anredeform nicht explizit unter den aufgezählten
Beispielen, schließt sie jedoch auch nicht
aus. Unter dem Lemma Lehrer gibt es keinen
Hinweis auf die Anredegewohnheit gegenüber
einem Lehrer. Das Konsultieren weiterer einsprachiger
Allgemeinwörterbücher und Spezialwörterbücher
wie Agricolas Wörter und Wendungen oder Dudens
Stilwörterbuch bestätigt lediglich, dass Herr
als Titel und Anrede fungieren kann. Wir bekommen
jedoch keinen Hinweis darauf, in welchen Fällen
Herr mit Familiennamen und in welchen mit
Berufsbezeichnungen stehen kann. Es gibt letztendlich
keine explizite Antwort in den konsultierten
Printwörterbüchern auf die Frage, ob die Anredeform
Herr Lehrer im heutigen Sprachgebrauch als
üblich gilt. Auch das Nachschlagen in einigen
einsparchigen Lernerwörterbüchern bringt keine
näheren Informationen. Die Überprüfung der
Bedeutungserklärung von Anredeformen im dGWDaF
bestätigt Kühns Feststellung, dass es “kein
kulturbezogenes und kultursensitives Wörterbuch”
(2002: 197) ist. Auch das Langenscheidt Großwörterbuch
Deutsch als Fremdsprache bewertet Lerchner
(1996: 144) bezüglich der Kultursensitivität
der Informationen als mangelhaft, dem es nur
zuzustimmen ist, denn es gibt keine direkten
Hinweise zu Anredegewohnheiten in deutschsprachigen
Schulen.
Da eine Vielzahl von authentischen Texten
digital erreichbar ist, haben Studierende,
die als Endzeile des Jandl Gedichtes “Herr
Lehrer“ vorgeschlagen haben, die Aufgabe erhalten,
möglichst viele Treffer von Herr Lehrer im
Kontext zu untersuchen, um die Bedeutung und
Distribution dieser Anredeformel kontextuell
zu ermitteln. Einige Studierende kamen zur
Überzeugung, dass die beiden kommunikativen
Formeln Herr Lehrer und Tanár Úr Entsprechungen
seien. Für diese Schlussfolgerung kann entweder
die nicht ausreichende Zahl der untersuchten
Kontexte oder aber die starke erstkulturelle
Prägung verantwortlich gemacht werden. Die
kontextuelle Bedeutungserschließung ergab
jedoch für zahlreiche andere Studierende,
dass keine totale Äquivalenz zwischen Herr
Lehrer und Tanár Úr besteht. Es wurde festgestellt,
dass Herr Lehrer in zahlreichen Witzen verwendet
wird. Ein Großteil der Treffer im Internet
führt zu lustigen Geschichten, in denen der
Lehrer als Person, oder die Lehrtätigkeit
als Zielscheibe des Spottes fungieren oder
dass man sich einfach über den Lehrer lustig
macht. Darüber hinaus wird der Ausdruck als
Anrede verwendet, wenn es sich nicht um eine
konkrete Lehrperson handelt, sondern eher
generisch für die Berufsgruppe. Die untersuchten
Texte sowie persönliche Erfahrungen durch
Schüleraustausch haben einige Studierende
zur Schlussfolgerung verholfen, dass die Anredeform
Herr Lehrer in einer Face-to-face-Situation
mit dem eigenen Lehrer im deutschsprachigen
Raum nicht üblich ist. Als Fazit wurde in
der Lehrveranstaltung festgehalten, dass die
Wortverbindung Herr Lehrer zwar im Deutschen
existiert ? wie die Google-Recherche belegt,
ist sie sogar frequent ? in Face-to-face-Situationen
wird sie in der Schule jedoch in der Regel
nicht verwendet. Die situationsäquivalente
Anredeform ist im deutschsprachigen Raum im
Gymnasium Herr / Frau + Nachname (Deutschland,
Schweiz, Österreich), Herr /Frau Professor
(Österreich). In Ungarn ist es eine Konvention
in den Schulen die Lehrer mit Tanár Úr / Tanárnõ
anzusprechen, so auch mit Herr Lehrer/ Frau
Lehrerin in den Deutschsstunden. Mit “Alles
Gute zum Geburtstag, Frau Lehrerin“ würden
Schüler und Studenten in ungarischer Tradition
die Jubilarin begrüßen. Der interkulturelle
Ansatz legt uns jedoch als Anredeform Herr
/ Frau + Nachname nahe. Also “Alles Gute zum
Geburtstag, Frau Szablyár“.
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