Boócz-Barna Katalin
Realisierungswege
mehrsprachiger Entwicklung von Lernenden im
Deutschunterricht anhand einiger Unterrichtsbeispiele
/1/
1.
Einführung
Die
veränderten Lehr- und Lernziele und die grundlegenden
Prinzipien des heute angestrebten kommunikativen-interkulturellen-handlungsorientierten
Ansatzes führten seit einigen Jahren immer
mehr zur Veränderung der Lehrer- und Lernerrollen,
wirkten auf die Planung, Durchführung und
Bewertung des Lehr-Lernprozesses ein. Die
Unterrichtssprache und der unterrichtliche
Sprachgebrauch blieben auf Grund von meinen
Untersuchungen und Unterrichtsbeobachtungen
(Boócz-Barna, 2003, 2005, 2006) in den meisten
Deutschstunden jedoch unverändert. Die empirischen
Forschungsergebnisse der modernen Fremdsprachendidaktik
und die neuesten psycholinguistischen Erkenntnisse
der letzten fünf-sechs Jahre untermauern eindeutig,
wie wichtig und notwendig es aus der Sicht
der Aneignung von Fremdsprachen ist, die bereits
vorhandenen sprachlichen und fremdsprachlichen
Kompetenzen sowie Erfahrungen der Lernenden
in den Lernprozess der neuen Fremdsprache
einzubeziehen. Die von den Lernenden gelernten
und erworbenen Sprachen dürften demnach im
Lernprozess einer neuen Sprache nicht ausgeklammert
werden. Man sollte nämlich die Sprachen der
Lernenden nicht isoliert betrachten, umgekehrt.
Lernenden sollte man im Fremdsprachenunterricht
mehr Raum geben, damit sie sich mit den Sprachen,
die sie bereits können, regelmäßig auseinandersetzen.
In vielen Deutschstunden herrschen jedoch
die alten Routinen, strikte Einsprachigkeit
ohne Rücksicht auf die bereits erworbenen,
gelernten weiteren Sprachen.
In
diesem Beitrag möchte ich einige Funktionen
von L2 /2/ -Transfer und Formen dessen Bewusstmachung
im Tertiärsprachenunterricht beschreiben und
anhand von ungarischen Unterrichtsbeispielen
mögliche Realisierungswege zeigen, wie die
erzielte und wünschenswerte mehrsprachige
Enwicklung von Lernenden im Deutschunterricht
gefördert werden kann.
Der
Unterricht sollte bereits seit den späten
achtziger Jahren im Sinne der "aufgeklärten
Einsprachigkeit" von Butzkamm /3/ nicht
mehr strikt einsprachig sein. Der Unterricht
verlief demnach größtenteils in der Zielsprache,
als Ausnahme galten gewisse Phasen der Grammatikvermittlung
oder der Bedeutungserschließung. Zu diesen
Funktionen kamen in den 90er Jahren weitere
dazu, wie die Aktivierung inhaltlicher Vorerfahrungen
der Schüler, muttersprachliche Fortführung
des Themas, muttersprachliche Lernhilfen,
deren Vorteil jedoch in vielen Deutschstunden
in Ungarn leider nicht wahrgenommen wurde.
Als
Ausgangspunkt für die Betrachtung unterrichtlicher
Mehrsprachigkeit gilt heute der Gemeinsame
europäische Referenzrahmen für Sprachen /4/ .
Demnach wird 'Mehrsprachigkeit' im Kontext
der Plurikulturalität interpretiert. Sprache
wird nicht nur als ein wichtiger Aspekt einer
Kultur betrachtet, "sondern auch ?als?
ein Mittel des Zugangs zu kulturellen Erscheinungsformen
und Produkten." (Gemeinsamer europäischer
Referenzrahmen, 2001:18) Das setzt voraus,
dass die Lernenden die Sprachen (nicht nur
als Systeme), die Kulturen und die Mentalitäten
kennenlernen sollen, um sich dadurch weiterzuentwickeln.
Den neuesten Untersuchungsergebnissen entsprechend
wird hier der Standpunkt vertreten, dass die
Sprachen und Kulturen nicht voneinander getrennt
gespeichert werden, sondern vielmehr gemeinsam
eine kommunikative Kompetenz bilden, zu der
die erworbenen Sprachkenntnisse und während
des Lern- bzw. Erwerbsprozesses (auch außerhalb
des Unterrichts) gesammelten Spracherfahrungen
beitragen und in der die Sprachen untereinander
interagieren. (Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen,
2001: 17)
Lernende
steigen also mit bereits mehr oder weniger
entwickelten allgemeinen Kompetenzen und kommunikativen
Sprachkompetenzen in den Lernprozess einer
neuen Sprache ein. Im Laufe des Aneignungsprozesses
früherer Fremdsprachen wurden nämlich einige
dieser Kompetenzen bereits ausgebildet, weitere
gegebenfalls weit entwickelt. Diese seit Langem
als zu berücksichtigend erachtete und nicht
(immer) tatsächlich realisierte These sollte
endlich in die Praxis umgesetzt werden: die
Lernerfahrungen sollten als Ausgangsbasis
betrachtet werden. Um darauf aufbauen zu können,
ist es notwendig, sie vorerst zu ermitteln.
Die Bewusstmachung sprachlicher Erfahrungen
bzw. Lernerfahrungen trägt ferner zur Weiterentwicklung
der Lernenden bei, was in Bezug auf Mehrsprachigkeit
bedeutet, dass die Mehrsprachigkeit des Menschen
selbst zum Thema gemacht werden soll. Seitens
der Lernenden sind die Vorbedingungen gegeben.
Meine eigenen Unterrichtserfahrungen und Untersuchungen
stimmen mit denen von Krumm überein: "wie
gern Lernende ihre Sprachen zum Thema machen"
(Krumm, 1999:30). Z.B. verschiedene außerunterrichtliche
Projekte wie Erkundungen, Interviews in der
Umgebung.
Der
Einfluss bereits gelernter Sprachen auf die
momentan zu lernenden wurde von mehreren Autoren,
insbesondere von Hufeisen und Neuner (1998:171f.,
2001:648f., 2003 und Neuner/ Hufeisen, 2004)
detailliert nachgezeichnet: Im (und auf den)
Lernprozess der zweiten-dritten Sprache bzw.
Fremdsprache(n) wirken die bereits erworbenen
und vorhandenen Sprachkenntnisse, Lernerfahrungen
und -strategien sowie fremsprachenlernspezifische
Erfahrungen und Strategien ein. Ein relevantes
Element ist darüber hinaus, dass der Lernende
in diesem Prozess sich selbst, auch seinen
eigenen Lerntyp, kennen lernt. Diese Erkenntnisse,
falls sie erkannt und reflektiert werden,
können dem Lernenden die Reflexion des eigenen
Lernprozesses erleichtern.
Die
Rolle des Unterrichts der ersten Fremdsprache
ist also in der Herausbildung und Fundierung
der Reflexionsfähigkeit außerordentlich groß,
im Lernprozess der zweiten Fremdsprache sollte
diese Fähigkeit regelmäßig und konsequent
weiterentwickelt werden. Falls Lernende dabei
vom Lehrenden unterstützt werden, sind sie
fähig, im späteren Lernprozess die jeweils
notwendigen Kompetenzen einzusetzen. Sie verfügen
bereits mit zehn Jahren über ein Sprach- und
Kommunikationsbewusstsein, man braucht es
jedoch weiterzuentwickeln. Die Sprache wird
dadurch im Unterricht nicht nur als Mittel
der Sprachproduktion gebraucht, sie ist zugleich
das Objekt der Reflexionen über die Sprache
als System.
Sprachwechsel
werden jedoch in der heutigen ungarischen
Unterrichtspraxis meinen zahlreichen Beobachtungen
nach, die ich in den letzten fünf-sieben Jahren
durchgeführt habe, von vielen Lehrern nur
in Ausnahmefällen geduldet bzw. in Problemfällen
(vor Allem als Disziplinierungsmaßnahmen)
eingesetzt. In diesem Bereich wird auf das
vorhandene Wissen und die mitgebrachten Kompetenzen
nicht aufgebaut. Sprachwechsel werden oft
als Fehler aufgefasst, weil Lehrende sich
oft auf die sprachliche und nicht auf die
kommunikative Dimension der jeweiligen Lerneräußerung
konzentrieren, und weil die Sprachwechsel
als Signal für Inkompetenz z. B. im Laufe
des Bedeutungserwerbs interpretiert werden,
und deren positive Seite, also der Signalcharakter
nicht akzeptiert wird. Lehrende greifen ein
und unterbrechen die Schülerworte, weil sie
sich mehr auf die sprachliche als auf die
kommunikative Dimension der jeweiligen Lerneräußerung
konzentrieren.
Ich
plädiere für eine eindeutige Neudefinierung
von Funktionen der bereits erworbenen Sprachen
und dadurch auch die von Sprachwechseln im
Fremdsprachenunterricht. Es gibt ja in der
Unterrichtspraxis auch positive Einstellungen
dem Phänomen gegenüber, die dann zu einer
vernünftigen Mehrsprachigkeit führen können.
2.
Beispiele für den fördernden Umgang mit bereits
erworbenen Sprachen im Deutschunterricht
In
mehreren Fällen/5/ konnten in den beobachteten
Deutschstunden positive Ansätze fördernden
Umgangs mit Transfererscheinungen dokumentiert
werden. Teils geht es hier um lehrer- und
lernerinitiierte Transfererscheinungen oder
von den Lernenden erfolgreich realisierte
Verbindungen, wobei das Phänomen ‚Transfer’
nachträglich nicht bewusst gemacht wird, teils
sind das „verpasste“ Verbindungen. In einigen
wenigen Fällen wurde geplante Bewusstmachung
dokumentiert.
Wenn Lernenden geholfen wird, Sprachwechsel
(öfters in die Muttersprache) sinnvoll einzusetzen,
kann echte Kommunikation mit echtem Lernerbezug
im Fremdsprachenunterricht gefördert werden.
Lehrer:
Du hast erwähnt, dass du mit deinem Hund im
Garten gespielt hast. Hast du
vielleicht auch andere Tiere zu Hause?
Schüler: Ja, eine Katze und ein...na, nem
jut eszembe...( aufgeregt )
Lehrer: Lass dir Zeit. Ist das Tier groß?
Schüler: Megvan! Ich habe noch einen Goldhamster.
/6/
Oft
kommen Überlegungen von Lernenden in der Muttersprache
als Reaktion auf Lehrerfragen vor, die - wenn
man diese zulässt - den Denkprozess des Lernenden
positiv bewirken. Das Gespräch kann dann vom
Lehrer einfach in die Zielsprache zurückgeführt
werden, wenn der Lehrer, wie im folgenden
Beispiel, den Schüler nicht nur darauf aufmerksam
macht, dass er die Zielsprache verwenden soll,
sondern das Gespräch durch erneute Fragestellung
in der Zielsprache weiterführt. In dem zweiten
Redebeitrag vom Schüler kann man wahrnehmen,
wie er über das Thema bereits in der Zielsprache
weiterdenkt.
Lehrer: Wisst ihr, wieviel ein Führerschein
kostet?
Schüler: Nyolcvan, száz...
Lehrer: Auf Deutsch bitte. Was sagst du? Wieviel
kostet es?
Schüler: Fünfundachtzigtausend. /7/
Lernende
erkennen im Unterricht verschiedene sprachliche
Regularitäten oft ganz spontan. Das kann jedoch
auf den Sprachlernprozess effektiv einwirken,
falls diesbezügliche Erkenntnisse bewusst
gemacht werden, wenn Lernerinitiativen aufgegriffen
werden und wenn dafür genügend Zeit eingeräumt
wird. Im folgenden Unterrichtsbeispiel für
den lernerinitiierten Bedeutungserwerb, in
dem der Lernende das Neugelernte mit der von
ihm gelernten anderen Fremdsprache vergleicht,
äußert er diese Erkenntnis in der Muttersprache:
Lehrer: Was bedeutet dieses Schild?
Schüler 1: Hier dürfen Sie nicht rauchen.
Lehrer: Hier dürfen Sie, oder darf man. Ja,
OK. Nächstes.
Schüler 2: Tanárnõ! Visszatérve, hogy van
a cigi németül? /8/
Lehrer L: Zigarette. Aber eine Zigarette rauchen!
Ja? Also (sie schreibt das Wort an die Tafel)
die
Zigarette…
Schüler 2: Ja, z-vel? /9/
Lehrer: Ja. Also eine Zigarette rauchen /10/
Wenn
Lernende bei der sprachlichen Reflexion durch
Bestätigung immer wieder untersützt und regelmäßig
zur bewussten Reflexion veranlasst werden,
können sich ihre diesbezüglichen Lernstrategien
entwickeln. In den folgenden Unterrichtsbeispielen
kann man die ersten Schritte dieser positiven
Tendenz erkennen. Hier wird auf den negativen
Transfer aus der anderen Fremdsprache nur
hingewiesen.
Lehrerin: Rahel! Kannst du das noch ergänzen?
R: .. ja! . Klemens geht in die Schule on
Fúss
Lehrerin: nicht! . nicht on . sondern?
Schüler2: zu Fuss
Lehrerin: ja klar! Zu Fuss! /11/
.................................................................................................................................
Lehrer: Tante Emma hatte also Rembrandt-Gemälde
und Schmücke .. aus welchem
Material sind die Schmücke, wenn sie so wertvoll
sind?
Schüler 1: aus gyémánt
Lehrer: nich aus gyémánt, sondern .. (wartet
auf das deutsche Wort)
Schüler 2: aus /dai?m?nd/, aus /gould/ /ænd/
aus /silv?*/
Lehrer: nicht /gould/ /ænd/ /silv?*/,
das ist Englisch (wartet auf die Korrektion)
Schüler 3: silber /12/
Ein
weiteres immer öfter praktiziertes Verfahren
ist es, dass der Lehrer auf die sprachlichen
Ähnlichkeiten hinweist und durch diese Verknüpfung
die Speicherung der anderen Fremdsprache positiv
zu beeinflussen versucht. Das kann aber erst
funktionieren, wenn Sprachvergleiche sehr
durchdacht, nur falls nötig, eingesetzt werden.
Sprachvergleiche sollten vom Lehrer initiiert
werden, wenn auf die andere Fremdsprache tatsächlich
aufgebaut werden kann, wenn die andere Sprache
als Denkstütze, als Hilfe fungieren kann:
Lehrerin: Akkor írjuk le az ujjakat!
… thumb (schreibt auf die Tafel) . what’s
this?
(wartet auf die Antwort) .. mit jelent ez
a másik nyelven? ... németül?
Schüler (alle): Daumen
Lehrerin: Na látod! A hangzás is hasonló’
tessék használni a másik nyelvet! /13/
Besonders
effektiv kann der Spracherwerb verlaufen,
wenn die beiden Fremdsprachen, wie auch in
dem zitierten Beispiel von demselben Lehrer
unterrichtet werden, oder wenn die beiden
Lehrer den Lernprozess gemeinsam planen und
ihn regelmäßig reflektieren. D.h. sie selber
verknüpfen die zwei Sprachen miteinander,
was jedoch immer noch sehr selten der Fall
ist. Wenn im Unterricht sprachlichen Reflexionen
Raum geschaffen wird, denken Lernende über
die zwei Sprachen, wie es das nächste Beispiel
zeigt, selber nach.
Lehrerin: …vergleichen wir die Bilder
miteinander! Marci, du sollst bitte Opel Corsa
mit Ford
Fiesta vergleichen!
Schüler 1: Opel Corsa .. die Höchstgeschwindigkeit
von Opel Corsa ist genau viel als von ..
Ford
Schüler 2: .. ist als viel als (spricht mit
dem Jungen neben ihm) az ugyanannyi nem azt
jelenti,
hogy als viel als?
Schüler 3: lehet, hogy az angolban igen, de
a németben nem!
Lehrerin: genauso viel wie von Ford Fiesta
/14/
Auch
wenn diese Überlegungen nicht immer vollkommen
richtig sind, sollte gefördert werden, dass
Lernende ihre Reflexionen äußern können, um
weitere Erkenntnisse und dadurch weitere Fortschritte
erreichen zu können.
3.
„Aufgeklärte Mehrsprachigkeit“ im Unterricht
In
den Sprachwechseln in die Muttersprache oder
in eine andere Fremdsprache, in spontanen
muttersprachigen Äußerungen der Lernenden
verbergen sich oft echte Kommunikationsbedürfnisse
und Chancen echter Gespräche. Diese Kommunikationsbedürfnisse
dürfen im Lernprozess nie - sogar auf höheren
Lernstufen nicht - unbeachtet bleiben. Anregende
oder überraschende Momente verursachen auch
oft spontanes Umschalten in die Muttersprache,
das, wenn darauf eingegangen wird, auf die
Lerneraktivität, die Kommunikation und den
Unterrichtsverlauf fördernd einwirken kann.
Aufgeklärte
Mehrsprachigkeit - nicht die "aufgeklärte
Einsprachigkeit" von Butzkamm (1973)
- bedeutet meiner Ansicht nach mehr, als wenn
vom Lehrer die zeitlich begrenzte Benutzung
der Muttersprache geduldet wird. Durch den
Gebrauch der Muttersprache, der ersten und
zweiten Fremdsprachen senden Lernende auf
sozialer, affektiv-emotionaler oder kommunikativer
Ebene bewusst und unbewusst wichtige Signale,
die auf das jeweilige Unterrichtsgespräch
und auf den Spracherwerb grundsätzlich einwirken
können.
Wenn
der Gebrauch anderer Sprachen nur erduldet
wird, schwingt für die Lernenden die Botschaft
mit, sie sollten die anderen Sprachen in das
Lernen der momentan zu lernenden Sprachen
nicht einbeziehen, oder falls sie es tun,
sei das ein Defizit, das gleich beseitigt
werden soll. Diese Einstellung beeinflusst
den Fremdspracherwerb negativ, indem sie zur
zwanghaften Isolierung von Kompetenzen und
Strategien führt, die nicht isoliert betrachtet
werden können. Und daher ist es ein weiterer
negativer Einfuss, dass in den Lernenden Hemmungen
und Ängste aufgebaut werden, die es sonst
nicht gäbe.
Die
Muttersprache kann evtl. seitens des Schülers
ein Mittel der kurzen Informationsentnahme
sein, also die Funktion haben, schnell Informationen
über die Stunde einzusammeln, um in die fremdsprachige
Kommunikation einsteigen zu können. Im Unterricht
kommen oft muttersprachige Zurechtweisungen
(Disziplinierungmaßnahmen) vor. Wenn sie inmitten
eines deutschen Redebeitrags erfolgen, werden
sie durch den Sprachwechsel aus dem ursprünglichen
Kontext, dem Unterrichtsgespräch ausgesondert.
Der Sprachwechsel ist nämlich eine starke
Markierung, wodurch das Gesagte besonders
hervorgehoben wird. Lehrer sollten folglich
überlegen, ob überhaupt und wie häufig sie
die Muttersprache gerade in solchen Fällen
anwenden, damit die Muttersprache nicht als
Sprache der Bestrafung und Zurechtsweisung
oder "Unterrichtorganisation" in
den Stunden fungiert.
Die
Bedürfnisäußerung ist die Grundlage für echte
Gespräche. In der Alltagskommunikation redet
man ja auch in dem Fall, wenn man etwas zu
sagen hat. Im Unterricht bietet sich dazu
selten die Möglichkeit. Lehrer sollten deshalb
solche Lerneräußerungen, auch wenn sie gegebenfalls
in der Muttersprache oder in einer anderen
Fremsprache realisiert werden, positiv einschätzen
und unbedingt aufgreifen. Im Unterricht geht
es ja meistens um Simulation, bzw. Lehrer
bemühen sich Lernerbezüge herzustellen oder
Lernerbedürfnisse zu wecken. Deshalb sollten
Lehrer Geschehnissen, denen echte Bedürfnisse
zugrunde liegen, besondere Aufmerksamkeit
schenken. Trotz "aufgeklärter Einsprachigkeit"
beharren Lehrer oft darauf, dass Lernende
alles auf Deutsch sagen, und falls nicht,
dann müssen sie das Gesagte gleich ins Deutsche
übersetzen. In diesem Sprachverhalten manifestiert
sich die Grundeinstellung dieser Lehrer, und
zwar, dass sie sich auf die Sprache (Form)
und nicht auf die Mitteilungen selbst (kommunikative
Inhalte) konzentrieren.
In
den meisten Sprachwechselsituationen manifestieren
sich auch affektiv-emotionale Botschaften,
die zuerst aufgedeckt werden müssen, weil
ihnen oft versteckte Kommunikationsstörungen
auf der Beziehungsebene oder ein falsches
Selbstbild zugrunde liegen. Die Lehrenden
sollten durch regelmäßige Reflexionen des
Lehr- und Lernprozesses lernen, diese Botschaften
herauszuhören, und demnach sensibel und vorsichtig
damit umgehen.
Schüler: " Esik a hó! Nézd ! "
Lehrer: (verärgert )" Ja, András, was
ist das Problem? "
Schüler: ( leise )" Semmi. Csak esik
a hó. "
Lehrer: " Sehr interessant. Es wäre besser,
wenn du dich auf die Stunde konzentrieren
würdest ." /15/
Aufgabe
des Lehrers ist es, zu ermöglichen bzw. zu
fördern, dass die Lernenden ihre Sprachen
nicht als getrennte Systeme, als getrennte
Unterrichtsfächer betrachten, sondern sie
miteinander sinnvoll verknüpfen. Besonders
wichtig ist dies im Deutschlernen ungarischer
Schüler, deren Muttersprache von dem Deutschen
grundsätzlich abweicht, und das Englische
dagegen als Hilfe, als „Brücke“ (Neuner/Hufeisen,
2003) zwischen den beiden Fremdsprachen gelten
kann. Diese Verknüpfung von Sprachen kann
im Unterricht spontan auftreten, oder aber
- und das wäre sehr erwünscht - als geplante
Phasen der Entwicklung von strategischen und
Reflexionskompetenzen der Lernenden realisiert
werden.
Abschließend
möchte ich eine sehr bedeutende Voraussetzung
der oben erwähnten Lehreraufgaben hervorheben:
erstens die sprachliche, heute noch oft fehlende
Vorbedingung - Lehrer sollten in der ersten
Fremdsprache ihrer Lernenden (meistens Englisch)
über Kenntnisse verfügen. Zweitens sollte
ihre didaktisch-methodische Auffassung und
ihr Instrumentarium im Bereich der Tertiärsprachendidaktik
erweitert werden. Im Sinne meiner Untersuchungserkenntnisse
plädiere ich dafür, dass der Umgang mit Sprachen
im Deutsch-als-Fremdspracheunterricht in der
Deutschlehreraus /16/ - und fortbildung gezielt
behandelt werden sollte, damit Studierende
und Lehrende Methoden, Verfahren der Tertiärsprachendidaktik
kennen lernen und sich Kompetenzen zur optimalen
Förderung der Mehrsprachigkeit im Unterricht
aneignen.
Literatur
1. Barna, K. / Majorosi, A. (2002): Die Relevanz
des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens
für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen und
des Europäischen Sprachenportfolios für Ungarn.
In: Glatz, F. (Hg.): Die deutsche Sprache
und die EU aus ungarischer Sicht. Budapest:
Europa-Institut, 123-129.
2. Boócz-Barna, K.(2003/a): Analyse von Sprachwechsel
im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht unter
dem Aspekt der kommunikativen Funktion. In:
Jahrbuch der ungarischen Germanistik. Budapest,
Bonn: GUG, DAAD, 271-290.
3. Boócz-Barna, K. (2003/b): Formen des Sprachwechsels
im Deutsch-als-Fremdspracheunterricht. Budapest:
ELTE (PhD-Dissertation, Script).
4. Boócz-Barna, K. (2005): „Aufgeklärter“
Sprachgebrauch im Deutschunterricht. Möglichkeiten
mehrsprachiger Enwicklung von Lernenden anhand
einiger Unterrichtsbeispiele. In: Deutsch
revital. Pädagogische Zeitschrift für das
ungarndeutsche Bildungswesen (2005). Budapest:
Landesverwaltung der Ungarndeutschen, Heft
2, 40-47.
5. Boócz-Barna, K. (2006): Funktionen bereits
erworbener oder gelernter Sprachen im L3-Deutschunterricht
in Ungarn. In: Abel, A. /Stuflesser, M. /
Putz, M. (Eds.) (2006): Mehrsprachigkeit in
Europa: Erfahrungen, Bedürfnisse, gute Praxis.
24-26. 08. 2006, Bolzano/ Bozen: EURAC (Im
Druck)
6. Butzkamm, W. (1973): Aufgeklärte Einsprachigkeit.
Zur Entdogmatisierung der Methode im Fremdsprachenunterricht.
Heidelberg
7. Butzkamm, W. (2006): Dreizehn Thesen zur
Rehabilitation der Muttersprache im Fremdsprachenunterricht
und zum Deutschlernen in Ungarn. In: . In:
Knapp, I. (Hg.) (2006): Budapester Beiträge
zu DaF. Budapest: ELTE Germanistisches Institut
und UDV, 84-95.
8. Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen
für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen (2001).
München: Langenscheidt
9. Hufeisen, B. (2001): Deutsch als Tertiärsprache.
In: Helbig, G. - Götze, L. - Henrici, G. -
Krumm, H-J. (Hg.): Deutsch als Fremdsprache.
Internationales Handbuch. (Handbücher zur
Sprach- und Kommunikationswissenschaft; Bd.19)
Berlin, New-York: Walther de Gruyter, 648-653.
10. Hufeisen, B. / Neuner, G. (2003): Mehrsprachigkeitskonzept
- Tertiärsprachen - Deutsch nach Englisch.
Strasbourg: Council of Publishing
11. Krumm, H-J. (1997): Mehrsprachigkeit und
Deutschunterricht. In: Fremdsprache Deutsch.
München: Goethe -Klett,. II/1997, 11-16
12. Krumm, H.-J.: Sprachenvielfalt und Deutschunterricht.
In: Fremdsprache Deutsch. München: Goethe
-Klett, 1999. I/1999, 26-30
13. Pauels, W. (1999): Spracherwerb und interkulturelle
Kommunikation. In: Deutschunterricht für Ungarn.
Budapest: ELTE Germanistisches Institut, 1/1999,
5-12.
/1/
Der vorliegende Text überschneidet sich teilweise
mit dem Beitrag: Boócz-Barna, K. (2005): „Aufgeklärter“
Sprachgebrauch im Deutschunterricht. Möglichkeiten
mehrsprachiger Enwicklung von Lernenden anhand
einiger Unterrichtsbeispiele. In: Deutsch
revital. Pädagogische Zeitschrift für das
ungarndeutsche Bildungswesen (2005). Budapest:
Landesverwaltung der Ungarndeutschen, Heft
2, 40-47.
/2/
’L2’ steht für die Bezeichnung der ersten
Fremdsprache der Lernenden.
/3/
Vgl. Butzkamm, 2006
/4/
Vgl. Barna / Majorosi (2002)
/5/
Vgl. Boócz-Barna, 2006
/6/
Aus dem Korpus der Fachseminare von Boócz-Barna,
transkribiert von K. Szente, 2003
/7/
Aus dem Korpus eigener Aufnahmen und dem Projekt
der Fachseminare von Boócz-Barna, 2003/b:145
/8/
Übers.: [Frau Lehrerin! Auf das Vorherige
zurückkommend: wie heißt 'Zigarette' auf Deutsch?]
/9/
Übers.: [Ach so, mit Z?]
/10/
Aus dem Korpus eigener Aufnahmen und aus dem
Projekt der Fachseminare von Boócz-Barna,
2003/b:136
/11/
Nach Kiss, 2003:47
/12/
Nach Kiss, 2003:52
/13/
Transkribiert von E. Kiss, 2003:59
/14/
Nach Kiss, 2003:49
/15/
Das zitierte Unterrichtsbeispiel wurde den
Projekten meines Fachseminars 2003 entnommen:
transkribiert von K. Szente.
/16/
Vgl. Psycholinguistische Fachseminare und
sprachdidaktische Fachseminare von Boócz-Barna,
ELTE Germanistisches Institut, 2005-2006 mit
dem Titel „Spezielle Fragen des Erwerbs von
Zweit- und Fremdsprachen aus psycholinguistischem
Aspekt“ und „Funktion bereits erworbener Sprachen
im Deutschunterricht“- Kommentierte Vorlesungsverzeichnisse,
In: germanistik.elte.hu
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